redACtionsbureau Reportage
Reiseberichte

Orkney Islands: Und ab in die Steinzeit

Auf einer Zeitreise über die Orkney Islands begeistern Archäologie und spektakuläre Natur

3.-8. Juli 2014 — Aachen – Newcastle – Stromness

Wir haben es geschafft. Nach zwei Tagen sind wir oben, im Norden Schottlands. Von IJmuiden sind wir mit DFDS komfortabel auf dem Seeweg nach Newcastle gekommen, dann kam die lange Anfahrt mit dem Auto über Edinburgh Richtung Scrabster. Samstag Morgen, den 5. July um 8:30 Uhr rollen wir auf den allerletzten Drücker auf das abfahrbereite Fährschiff nach Stromness. Dabei waren wir früh morgens losgefahren, um zeitig in Scrabster, dem „Fährtor“ zu den Orkneys, anzukommen. Hin und wieder mussten wir natürlich anhalten, um ein Foto zu machen, und noch eins, und noch eins. Vielleicht hätten wir doch auch einige Tage für die Highlands reservieren sollen. So kommen wir um 8.30 im Hafen an und sehen das Fährschiff noch dort liegen. Also nichts wie hin. „Sie sind spät dran. 8.15 Uhr war letzter Check-in. Beeilen Sie sich.“ Schnell zum Ticketbüro und dann weiter zum Schiff. Der Bootsmann schau uns missbilligend an, dann fängt er an zu lachen: „Ihr seid nicht die letzten, es kommen noch zwei PKWs.“

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Fährt man über die Orkney Islands, so landet man entweder in Kirkwall, der Hauptstadt der Orkneys, oder in Stromness. Beide liegen auf Mainland, wie die Schotten sagen, der Hauptinsel. Aber die Orkneys bestehen aus weit mehr Inseln. Laut Fahrplan gehören 13 größere Eilande zum orkadischen Archipel und sie alle können mehr oder weniger leicht erreicht werden. Zwei Inseln, nämlich Burray und South Ronaldsay, über eine Brücke bzw. einen Damm. Der Rest per Fähre. Wir wollen sehen, wie das alles zusammenhängt.

Per Auto ist Mainland recht überschaubar. Von Kirkwall nach Stromness führt die zweispurige Landstraße A965 quer über die Insel Mainland, westwärts zum Ring of Brodgar. Kurz vor Stenness geht es rechts ab auf eine kleine Single Track Road, die einspurige B9055, zum Ness of Brodgar. Im Sommer gehört sie den Touristen und Bussen. Jedenfalls ab 9 Uhr morgens kommt hier Betrieb auf. Doch wer die Magie der Steinkreise erleben will, muss früher auf den Beinen sein, am besten noch vor Sonnenaufgang. Und der fällt im hohen Mittsommer mit rund 4:00 a.m. verdammt früh. Aber das ist es wert.

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Langsam steigt die Sonne am Firmament empor. Die mächtigen Monolithen werfen lange Schatten auf das weitläufige Terrain, das wie ein Ziffernblatt aus vergangener Zeit wirkt, über das die Sonne schon seit Ewigkeiten ihre Bahn zieht. Um den periodischen Lauf von Sonne und Mond wussten bereits vor mehr als 5.000 Jahren auch unsere hier ansässigen Vorfahren. Denn die weite, flache Landschaft ringsumhin wurde von steinzeitlichen Menschen sehr exakt nach dem Gang des Universums gestaltet.

Die Stones of Stenness und der Ring of Brodgar liegen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt. Die Rätsel der Steinkreise und der sie umgebenden Siedlungen hier am Ness of Brodgar sind noch längst nicht gelöst. Dennoch bezeugen sie, dass unsere Ahnen Astronomie und Kalendarium sehr genau kannten, Tag- und Nachtgleiche ebenso wie die Sonnenwenden. Sie waren Bauern, Fischer, Jäger und Sammler und sie folgten dem Zyklus der Jahreszeiten im Rhythmus von Sommer und Winter, Aussaat und Ernte, Geburt und Tod. Im großen Einklang mit der Natur, um deren Erhalt wir heute ringen müssen.

Kaum ein Ort der Welt birgt auf so engem Raum so viele prähistorische Fundstätten aus der jungen Steinzeit wie die Orkney Islands. Die Inseln dieses schottischen Archipels sind übersät davon und Mainland ist ihr Zentrum. Hier im "Heart of Neolithic Orkney" liegen in Sichtweite der Stones of Stenness unzählige hochkarätige Schönheiten: Steinkreise, Grabkammern und Erdhäuser, ja ganze Siedlungen bilden das Weltkulturerbe der UNESCO. Barnhouse Village mit acht Häusern – in den 1980ern ausgegraben – ist nur ein paar Schritte entfernt. In ihrer Nachbarschaft liegt unweit die rätselhafte Grabkammer von Maeshowe. Einmal im Jahr fällt durch den langgestreckten tunnelförmigen Eingang das Licht bis in die hintere Ende der zentralen Kammer, immer und exakt zur Wintersonnenwende, ein Meisterwerk steinzeitlicher Astronomie und Baukunst.

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Kaum eine Meile von hier steht der Ring of Brodgar. Eine schmale Landbrücke, über die die B9055 führt, verbindet ihn mit den hinter uns liegenden Standing Stones. Der schmale Isthmus teilt beiderseits zwei Seen, den Loch of Harray und den Loch of Stenness. Er wird eingangs bewacht von dem mächtigen, 5,6 m hohen "Watch-Stone". Doch der lässt uns ungeschoren passieren.

Unmittelbar an der schmalen Durchgangsstraße befindet sich – eher unauffällig auf scheinbar gewöhnlichem Farmland – eine der bedeutsamsten und spektakulärsten Ausgrabungsstätten Großbritanniens, wenn nicht Nordeuropas: The "Ness of Brodgar Excavation". Sie ist leider momentan nicht für Publikum zugänglich. Hier wird eine archäologische Sensation von Weltrang freigelegt, das größte sakrale Bauwerk der Steinzeit. Vor Jahren schon wurde damit begonnen, ein abenteuerliches Geheimnis freizulegen, einen bislang unbekannten steinzeitlichen Tempel. Dieser führt uns Heutige 4.500 bis 5.000 Jahre zurück in die Menschheitsgeschichte.

Auch das größte bislang entdeckte Gebäude der Jungsteinzeit ist hier zu finden – in "Structure 10", um genau zu sein. Mit 65 gemessenen britischen Fuß - 1 ft entspricht 30,48 cm – misst es mehr als 20 Meter Länge bei vergleichbarer Breite. Mit seinen Abmessungen muss das Bauwerk die Landschaft beherrscht haben, zumal wenn es überdacht gewesen war, wie erwogen wird. Damit wird sein imposantes Erscheinungsbild selbst dem Ring of Brodgar den Rang abgelaufen haben, dessen aufrecht stehende Megalithen mit 7ft bis 15ft "nur" um die zwei bis fünf Meter messen. Ja, es wird sogar die Standing Stones of Stenness in den Schatten gestellt haben, deren vier verbliebene Megalithen es immerhin auf stolze 19ft beziehungsweise mehr als 6 Meter Höhe bringen. Grabungsleiter Nick Card hatte schon damals bei Projektbeginn den publikumswirksamen Begriff einer "neolithischen Kathedrale" geprägt.

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Wenige Hundert Meter weiter über die kleine Landstraße B9055 ist der Ring of Brodgar zu erreichen. Mit 103 Metern Durchmesser ist der auf 60 Megalithen ausgelegte Steinkreis der größte seiner Art. 27 Steinriesen sind noch erhalten, oder stehen überhaupt erst, was ebenfalls möglich wäre. Der Megazirkel gibt noch viele Rätsel auf. War dieser Ort von magischer Schönheit einst eine Kultstätte? Oder war er ein Sonnenobservatorium wie jenes, das jüngst im deutschen Goseck bei Naumburg in Sachsen-Anhalt ausgegraben wurde? Ja, ist er vielleicht sogar Teil eines wohl geplanten landschaftlichen Ensembles großen Stils? Gibt es eine Geometrie der Landschaft?

Folgt man dem Weg über die Landbrücke vom kleinen zum großen Steinkreis, so passiert man ziemlich genau zur Mitte die neolithische Kathedrale, die von Nick Card und seinem Team ans Tageslicht befördert wird. Ihre zentrale Position und Lage sind möglicherweise gar nicht zufällig gewählt. Schon auf der Landkarte ist die schmale B9055 als eine nordwestwärts gerichtete Achse zu erkennen, die die bedeutsamen Orte der Epoche auf direktem Wege miteinander verbindet. Verlängert man die Linie über den schmalen Isthmus zwischen dem Loch of Stenness und dem Loch of Harray hinauf bis ans Meer, so führt ein gerader Weg direkt nach Skara Brae, der besterhaltenen steinzeitlichen Siedlung Europas.

Wir folgen diesem geometrisch konstruierten Kurs hinauf zur Westküste von Mainland. Die neolithische Siedlung gilt unter Archäologen als die bedeutendste in ganz Europa, die bislang größte und die am besten erhaltene ihrer Art. Zehn einzelne Gebäude dieses Dorfes zeigen nach immerhin 5.000 Jahren mit ihrem steinernen Mobiliar, dass die Regalbauweise nicht in skandinavischen Möbelhäusern der Neuzeit erfunden wurde. Die Schlafstellen und Herde inmitten der Häuser bezeugen eine Behaglichkeit, die wir vielleicht noch aus bodennahen Campingzeiten kennen.

Küchenabfälle aus Muschel- und Nussschalen, Fischgräten und Knochen verrieten den Archäologen jedenfalls einen abwechslungsreichen Speiseplan der Jäger- und Sammlerkultur. Inzwischen ist Skara Brae eine der Hauptattraktionen im Weltkulturerbe auf Mainland. Die Gebäude entlang der kleinen "Mainroad" werden auf die Zeit zwischen 3.100 und 2.500 v. Chr. datiert, damals erbaut aus Stein, Holz und Torf, heute in den Grundmauern zu besichtigen. Die Häuser selbst waren jedoch wahrscheinlich schon zu Zeiten ihrer Bewohner von Dünenbewegungen bedroht und möglicherweise deswegen auch verlassen worden.

Bis zu ihrer Wiederentdeckung im Jahre 1850 waren sie vom Winde verweht, mit Sand bedeckt und damit für die Nachwelt konserviert worden. Eine mächtige Sturmflut zerschlug im Winter 1850 die grasbewachsenen Dünen von Skara Brae. Sie deckte ihren Bewuchs restlos ab. Der tosende Sturm fegte den losgespülten Sand tagelang hoch über das Land, während Wind und Wasser die einstmals schützenden Sandhügel einebneten und abtrugen. Was dann unter der Düne zum Vorschein kam, gilt der Moderne als einer der sensationellsten Funde überhaupt. die Gemäuer des vor Urzeiten verlassenen kleinen steinzeitlichen Dorfes Skara Brae. 1999 wurden es von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

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Nicht nur Zeitreisen, auch Kultur und Natur bewegen den mobilen Reisenden auf den spannenden Entdeckungstouren über die Orkney Islands. Die Landschaft lädt zu Küstenwanderungen ein, vorbei an steinalten Brochs, den prähistorischen küstennahen Burgen aus der Eisenzeit, und immer entlang der hohen Klippen, deren bizarre Felsformationen an wehrhafte Türme und Schlösser erinnern. Science und Fiction verschwimmen. Die Vogelkolonien liefern ein ewig bestaunenswertes Spektakel. Hier und da sind unter den Abertausenden von Möwen auch die drolligen Puffins zu sehen, die bunten Papageientaucher, die sich hinabstürzen zu den tosenden Wellen, die tief unter uns an die Felsenküste schlagen.

Stromness, Hafenstadt und Fähranleger nach Schottland, ist immer einen Besuch wert. Hier kann man den Lobster noch frisch vom Fischer kaufen. Zum Greifen nah steigt aus dem Wasser die gegenüberliegende Insel Hoy. Mit dem Fährboot übergesetzt, ist diese auch zu Fuß gut zu besuchen.

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Die südlichen Inseln der Orkney Islands sind wie gesagt mit dem Auto leicht erreichbar: Lamb Holm, Glims Holm, Burray und South Ronaldsay sind über Dämme, die Churchill Barriers aus dem Zweiten Weltkrieg, miteinander verbunden. Dort erwarten uns piktische Grabungen auf Deerness, die Grabkammer Tomb of the Eagle und die Italian Chapel, eine Baracke, die italienische Kriegsgefangene mit kunstvollen Fresken zum Gotteshaus umgestalteten. Der Weg nach Süden führt aus der Stadt, vorbei an Kirkwalls berühmter Highland Park Distillery. Die Orkney Islands haben herrlich viel zu bieten.

Wir schauen jetzt einmal, wie weit wir auf die nördlichen Inseln hinauskommen und melden uns dann in einigen Tagen wieder. Jeden Tag online schaffen wir auf dieser Tour nicht. Schaut einfach mal rein oder bestellt unseren Newsletter. Der kommt immer dann, wenn wir neue Berichte ins Web stellen konnten.

Viele Grüße
Sigrid und Heinz

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