redACtionsbureau Reportage
Reiseberichte

Éire – Republik Irland

Von der Irischen See an die Copper Coast

6.-11. August 2014 — Dublin – Wicklow – Waterford – Wexford

Die vierte und letzte große Etappe hat uns von der Isle of Man an die Ostküste Irlands geführt, durch die Wicklow Mountains und bis an die Copper Coast im Südosten. Und sie hat uns – auch und besonders auf der Grünen Insel – an vielen wunderbaren Orten weit in die irisch-keltische Geschichte geführt.

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Wir kamen um neun Uhr morgens mit der „Manannan“ von Steam Packet von Douglas nach Dublin. Ein kurzer, klitzekleiner Stopp an der Samuel Beckett Bridge musste einfach sein. Aus sentimentalen Gründen. Letztes Jahr standen wir hier auf der bebenden Brücke, als Riverdance ihren Weltrekordversuch unternahmen, ein unvergessliches Erlebnis.

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Weite Sandstrände und Dünen säumen die Irische See. Die Ostküste hat etliche herrliche Badestrände und durchaus angenehme Wassertemperaturen – nicht nur, wenn man eben noch auf den Äußeren Hebriden war. Auch von Frankreich kommend ist Brittas Bay eine wunderbare Badebucht. Wir gingen schwimmen und mochten uns gar nicht wieder auf den Weg machen. Doch unsere erste geplante Übernachtung vor den Toren Dublins lag nun einmal landeinwärts in Roundwood, in den Wicklow Mountains. Jim betreibt hier seinen Caravan Park und er hat für uns wie für all seine Gäste unzählige Tipps für Wanderungen und Ausflüge in der Region auf Lager.

Weltflucht: Widerstandsnester und Einsiedeleien

Natürlich Glendalough, das Tal der zwei Seen, über dem in den frühen Morgenstunden der Zauber der frühmittelalterlichen Klostersiedlung und eine spirituelle Stille lagen, zumindest bis die ersten Busse hereinbrachen. Das Tal gehört übrigens heute zum Wicklow National Park und hat wunderschöne Wanderwege. Es ist das Highlight auf dem 130 km langen Wicklow Way, der von der Grafschaft Carlow nach Dublin führt.

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Nicht weit entfernt ist die Military Road, die Regionalstraße 115. Die Britische Armee ließ sie zwischen 1800 und 1809 durch die Wicklow Mountains schlagen, um die Widerstandsnester der irischen Rebellen in den Bergen auszuheben. Sie ist heute eine wunderbare Panoramastraße, ob mit dem Fahrrad oder mit dem Auto. Wir genossen die Aussichten und folgten ihr zeitvergessen. Dafür musste zwar später Powerscourt ausfallen, doch die Landschaft ist großartig.

Sinnenfreuden: Gärten, Tänzer, Brauereien

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In Ashford liegen die Mount Usher Gardens. 1868 wurde der 8 Hektar große idyllische Garten angelegt, den der Vartry River über flache Kaskaden gemächlich durchzieht. Blumen und Sträucher entfalten ihre Blütenpracht unter prächtigen alten Bäumen. Es muss toll sein, eine solche Anlage zu gestalten. „Ja, eine wunderbare Aufgabe, ein Amt ...“, bestätigt Sean Heffernan, der Head Gardener, zerreibt bedächtig das Grün einer Red Cedar zwischen Daumen und Zeigefinger und hält es mir unter die Nase. Es duftet nach Apfel. „... denn ein Garten spricht alle Sinne an.“

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Camping in Kilkenny ist Farm Camping. Der Tree Grove Campingplatz liegt am Stadtrand auf einem alten georgianischen Landgut mit Pferdekoppel, umgeben von Feldern und alten Bäumen. Zu Fuß sind es knapp 20 Minuten in die mittelalterliche Stadt. Das ist in Ordnung, vor allem wenn man nach Kilkenny Castle und nach dem Pflichtprogramm der Medieval Mile abends noch ein Bier oder zwei trinken möchte. Denn Kilkenney, im gleichnamigen County, mit dem gleichnamigen Bier, hat eine zweite, alteingessene Brauerei weniger bekannten Namens und ein zweites köstliches Ale zu bieten: das malzig rötliche Smithwick's. Ihr Gründer war Katholik und als solcher nach geltendem Recht nicht geschäftsfähig. Daher brauchte er einen protestantischen Kompagnon, um das Unternehmen überhaupt zu führen. Das wirft natürlich kein gutes Licht auf die britischen Besatzer und erhellt, was „rechtgläubig“ im Irland des 18. Jahrhunderts bedeutet. Heutzutage indes bedeutet „The Smithwick's Experience“ eine sehenswerte Führung durch 800 Jahre Brauereigeschichte, die 1231 ihren Anfang in einem Franziskanerkloster nahm. Ihren Ausgang nimmt sie derzeit im Old Victorian Brewing Building in der Parliament Street, mit einem kühlen, frisch gezapften Bier, versteht sich.

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Hoch erhaben über der weiten Ebene thront der Sitz der alten irischen Könige auf dem Rock of Cashel. Der legendäre Brian Boru wählte diesen Ort auf dem 60 Meter hohen Felsen Ende des zehnten Jahrhunderts zu seinem Hauptsitz. Ein guter Platz für einen ambitionierten Hochkönig. Zu seinen Füßen indessen, im Schatten einer der meist besuchten Touristenattraktionen Irlands, liegt heute eine eher weniger bekannte Stätte. Doch sie ist in unvergleichbarer Weise sehens- und hörenswert: das Brú Ború Heritage Centre. Es entführt seine Besucher mit der Multimediashow „Sounds of History“ in die Geschichte irischen Tanzes und irischer Musik. Und damit es nicht allein bei Musikgeschichte bleibt, gibt es während der Saison auf der hauseigenen Bühne Theatervorstellungen und Abendveranstaltungen mit traditioneller Musik und Tanz, bei der regionale Künstler und die Stars der Irischen Musikszene auftreten. Das Brú Ború Heritage Centre ist eine Begegnungsstätte von Comhaltas Ceoltóirí Éireann, dem Repräsentanten Irischer Kultur mit über 400 Niederlassungen weltweit.

Nach so viel Kultur und Geschichte locken Landschaft und Natur. Die Fahrt nach Süden führt vom County Tipperary ins County Waterford an die Copper Coast. Über die kleinen Straßen der ausgeschilderten Coastal Coast Route geht es an der wunderschönen Südostküste vorbei. Wer von Rosslare kommend den „Wild Atlantic Way“ ansteuert, sollte sich etwas Zeit nehmen, die Schönheiten am Wegesrand Dungarvan und Tramore zu erleben, etwa den „Copper Coast Geopark“. Er erstreckt sich von Fenor im Osten bis Stradbally im Westen und Dunhill im Norden. Das Gebiet wurde 2001 zuerst Europäischer und dann 2004 UNESCO Global Geopark. Das Visitors Centre liegt in Bunmahon. Es erzählt über die hiesige Geologie und über die Kupferminen des 19 Jahrhunderts.

Strategen: Handel, Wandel, Strippenzieher

Waterford ist eine sehr angenehme touristische Pflicht. Die Stadt ist die erste Gründung der Wikinger in Irland, noch vor Dublin. Sie war eine politische Größe, eine Handelsmacht und konsequent den englischen Königen treu, wer auch immer gerade den Thron an sich gerissen haben mochte. Solange jedenfalls, bis es schief ging. Der Weinhandel hat die Stadt sehr reich gemacht und danach trunken vor Selbstüberschätzung. Die „Waterford Treasures“ und Waterford's „Viking Triangle“ künden von jenen Zeiten und sind ein wahres Erlebnis.

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Wir treffen Donnchadh Ó Ceallacháin, den Kurator des Medieval Museum, im Foyer. Er ist ein profunder Kenner der Stadt- und Nationalgeschichte und ein großartiger Erzähler obendrein. Durch ihn erst haben wir verstanden, dass PR und Marketing eine Erfindung der Waterforder gewesen sein muss. Sie haben in der Wirtschaftskrise des 14. Jahrhunderts mit ihrer „Charter Roll“ die tendenziösen Gutachten heutiger Lobbyisten weit vorweggenommen und blendenden Eindruck hinterlassen. Bei ihrer Fürsprache bei Eduard III am englischen Hof half sie Waterford, ihr bescheidenes Anliegen auf Gewährung eines regionalen Weinmonopols durchzusetzen, gegen eine lukrative Steuerabgabe, versteht sich.

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Dabei sind die geschäftstüchtigen Strategen in der Kunst der Verstrickung, Verführung und Verschleierung, der Ablenkung und Beweihräucherung zur Hochform aufgelaufen. Sie haben an Loyalitäten erinnert und Gefolgschaft versprochen. Sie haben beiderseitige Vorteile und Profite schamlos an die Wand gemalt, wie sie selbst bei der Akquise und Vergabe heutiger Großaufträge nicht erlogen werden können. Für ihr Blendwerk haben sie die marktführende Grafik-Design ihrer Zeit engagiert, wahrscheinlich bei einer ortansässigen Agentur. Auf Pergament hat diese hochergebenst und gekonnt wahre Spitzenleistungen im manipulierten Herrscherpreis abgeliefert, Folio um Folio. Im zeitlosen Vergleich übertrifft es mit seinen wertvollen Illustrationen bei weitem alle Powerpoint-Präsentationen, mit denen etwa die gegenwärtige Unternehmenskommunikation uns Heutige langweilt und ermüdet.

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Dazu wurden alle Register gezogen und alle Klischees bedient. Sie haben dem Hof ihre vorgefertigte und verfälschte Sachverhaltsdarstellungen untergejubelt, wie sie heutzutage nur den Redaktionen kostenoptimierter Trend-Magazine zur kalkuliert unkritischen Übernahme untergeschoben werden. Die Arbeit hat ein Vermögen verschlungen, doch sie war ihr Geld wert, ein Meisterwerk der Verführung und strategischer Kommunikation. Doch wie alle Hochmütigen, die ihren eigenen Botschaften selbstverliebt verfallen, verspielten die Waterforder Eliten ihre Wohlfahrt, als sie Elisabeth vom Katholizismus überzeugen wollten, worauf diese ihnen Herrn Cromwell schickte, der der Hybris ein Ende machte. Nachdem das Porzellan zerschlagen war, blieb Waterford jedoch immerhin noch das exklusive Kristall.

Seh-Fahrt: Geschichte und Geschichten

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Wir folgen der spekatulären Küste bis zum breiten Mündungsdelta des River Suir. Unerwarteterweise geht es auch hier in Irland zuweilen nur mit der Fähre weiter. Die „Passage East Car Ferry“ bringt uns hinüber, vom County Waterford nach Wexford. Wir wollen zum „Hook Lighthouse“. Es ist der älteste in Betrieb befindliche Leuchtturm der Welt. Eva macht hier in dem von Mönchen im 13. Jahrhundert erbauten Turm während ihrer Semesterferien die Führungen. Sie ist Studentin der Archäologie und eine begeisterte Gesprächspartnerin in Fragen des „Celtic Way“.

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Sehens- und erlebenswert im County Wexford ist das Dunbrody Famine Ship in New Ross. Die Ausstellung und die von Schauspielern dramaturgisch unterlegte Führung an Bord des Auswandererschiffes macht die verzweifelte Lage während der großen Hungersnot mehr als deutlich. Von 1845 bis 1849 vernichtete die Kartoffelfäule die Lebensgrundlage der Landbewohner. Die Hungersnot dezimierte die Bevölkerung um etwa die Hälfte. Etwa eine Million Iren verhungerten, zwei Millionen wanderten aus, viele von New Ross aus. Das Schiff ist eine Nachbildung der Emigrantenschiffe. Veranschaulicht wird die prekäre Lage für die Familien an Bord, die zwei Monate unter Deck ausharren mussten. Die Todesrate auf den „Coffin Ships“, den Sargschiffen, war hoch. Vor dem Visitor Centre erinnert die Wall of Honour an bekannte irische Auswanderer und eine Flamme an die Namenlosen.

Verwirrende Erkenntnis: Irland war niemals keltisch

Auf dem Weg zum Fährhafen Rosslare lag für uns der letzte Halt, mit hohem Erkenntnisgewinn für unseren "Celtic Way": der Irish National Heritage Park in Ferrycarrig. 9000 Jahre spannende Geschichte werden dort gegenwärtig, von der Steinzeit bis zur Eroberung Irlands durch die Normannen. An 16 Stationen sind in dem weitläufigen Gelände Bauwerke aus den markanten Epochen der Menschheitsgeschichte rekonstruiert, mit aller Liebe zum Detail. Und was vor allem die Kinder begeistert, man kann sie alle betreten, eintauchen in die Vergangenheit und eine Zeitreise der allerschönsten Art unternehmen. Sie beginnt bei den ersten Stationen mit den frühen Jäger- und Sammlerkulturen, die nach der letzten Eiszeit nordwärts zogen, Irland entdeckten und blieben, zumal das Wetter wärmer gewesen sein muss als heute. Sie erzählt von der Bronzezeit und dem Aufkommen des Ackerbaus, was Sesshaftigkeit zur Folge oder zur Voraussetzung hat und damit zumindest die Grundlage für die Irish-Pub-Kultur legte. Die nächstfolgenden Stationen berichten von Ganggräbern und Steinkreisen, die die Götter in den Himmel hoben, bis Patrick sie durch den Monotheismus substituierte, zurück in die Welt holte und europaweit exportierte. Station um Station.

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Was in diesem herrlichen Park auf faszinierende Art greifbar, spürbar und verständlich wird, ist mehr als allein die irische Geschichte. Es ist gesamteuropäische Geschichte in voller epischer Breite, vom Holozän bis ins späte Mittelalter, von der Ur- und Frühgeschichte Europas bis zur Nationalgeschichte der angelsächsischen Welt. Zum Abschluss unserer Reise der ideale Ort, um zurückzuschauen auf die außergewönliche Route dieser Sommerreportage „The Celtic Way“. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnissen haben uns indes irritiert, zumal sie provokant präsentiert worden waren wie dies: "Irland war niemals keltisch". Diese These ließ uns natürlich keine Ruhe. Wir arbeiten schließlich an einem Reiseführer und wollen die Leute auf gesichertem Wege in die Vergangenheit schicken. Daher sind wir ihr nachgegangen und haben in der Tat Interessantes entdeckt und Neues gelernt. Doch wir werden nicht nur historisch berichten, sondern auch sehr gegenwartsbezogen, über eine wunderbare Region, die Naturfreunde und Kulturliebhaber gleichermaßen begeistern wird: den sogenannten "Celtic belt" oder "Celtic fringe".

Jene Randzone im Nordwesten Europas, hatte sich seit dem Bello Gallico erfolgreich der Romanisierung entzogen und sich auch später der Anglifizierung und Britannisierung verzweifelt widersetzt. Frühe Einwanderer der Bronzezeit und späte Kaufleute der Eisenzeit haben den direkten Weg durch die Keltische und die Irische See offenbar schon sehr früh befahren. Auch die irischen Mönche haben ihn später, als Patrick (AD 385 bis 461) mit Mandat des Papstes die Trinität des Kleeblatts demonstrierte, traditionsgemäß auf ihren Missionen weiter benutzt, nordwärts nach Schottland und südwärts. Um den Kontinent zu erreichen, bedurfte es also nicht zwangläufig der Landbrücke Großbritannien. Die Offensive der irischen Prediger jedenfalls hat ganz Europa erfasst und auch die iro-schottische Mission vom 6. bis 8. Jhd. wurde ein Selbstläufer. Als eine Invasion der Demut erfasste sie unabhägig von irgendeinem päpstlichen Mandat das Festland, Deutschland und Österreich. Einschlägige Publikationen schenkten uns inzwischen neue interessante Hinweise, die neugierig machen und uns anstiften, die "irisch-keltischen" Routen weiter zu verfolgen. Wir werden eh noch einiges nachlegen müssen, was unseren "Celtic Way" betrifft. So wird es dann am Schluss wohl eher ein Buch werden, ein Zeitreiseführer oder so etwas.

Heimkehr: zurück zu neuen Ufern

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Durch die Ausläufer eines Hurricans, bei Windstärke 6 bis 7, sind wir durch die wogende Keltische See zurückgefahren. Irish Ferries hat uns sicher zurückgebracht nach Frankreich und uns den Abschied erleichtert. Ich muss schon sagen: die Oscar Wilde ist ein liebenswert irisches Schiff mit einem besonderen Unterhaltungswert dem wilden Leben des großen Dichters verpflichtet ist. Das Programm an Bord ist wirklich einmalig: Harfenklänge in der Lounge am Bug, Tischmusik im Restaurant, Kabarett am Abend und Live-Musik in der Bar. Stimmungsvoller kann ein Abschied auf dem Celtic Way nicht sein und schöner kein Start in eine neue Irlandreise.

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